Da und fort. Leben in zwei Welten
Interviews, Berichte und Dokumente zur Immigration und Binnenwanderung in der Schweiz
Mit Texten von Musa Dursun, Daniel Fels, Susanne Gisel-Pfankuch, Therese Halfhide, Elisabeth Joris, Erika Keil, Claude Lichtenstein
Broschur, zahlr. farb. u. schw.-w. Abb., 300 Seiten
Januar 1999Während eines halben Jahres haben sich mehr als 70 MigrantInnen in Erzählworkshops mit ihren Lebensgeschichten auseinandergesetzt. Sie kamen aus Italien, Deutschland, Ungarn, der Türkei und aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz. Mit dabei waren auch SchweizerInnen, die in den vierziger und fünfziger Jahren aus abgelegenen Bergregionen in die urbanen Zentren gezogen sind. In einem weiteren Workshop haben sich Kinder aus eropäischen und überseeischen Ländern ebenfalls mit ihren Migrationserlebnissen beschäftigt. Aus dem interkulturellen Erinnerungsprojekt sind ein Buch, eine Wanderausstellung sowie eine Videodokumentation entstanden.

Bildrechte: Limmat Verlag
Pressestimmen
Tages-Anzeiger, 02. November 1999
Basler Zeitung, 25. Januar 2000
Neue Luzerner Zeitung, 10. Februar 2000
«Die vielen persönlichen Erlebnisse machen die Lektüre spannend und lebensnah; im Spiegel fremder Augen lässt sich die Schweiz aus einer ungewohnten Perspektive neu entdecken. Kreuz und quer vermischen sich hier die Nationalitäten - und unwillkürlich stellt sich die Ahnung ein, dass Migration im Zeitalter von Globalisierung und Flexibilität, wie sie die Einpeitscher der Wirtschaft fordern, von der Ausnahmesituation wohl immer mehr zum Normalfall wird.» Basler Zeitung
«Fragen der echten Zugehörigkeit begleiten die Menschen ihr Leben lang. Die einen fühlen sich nach der Einbürgerung als Schweizer, die anderen an beiden Orten beheimatet. Eine dritte Gruppe fühlt sich nirgends verwurzelt. Assimilation, Integration, multikulturelle Koexistenz? Das Zusammenleben fordert. Information über hier gängige Normen und Werte muss am Anfang stehen und auch die Bereitschaft, die nötige institutionelle Unterstützung seitens der Schweiz zu gewähren. Die zweite Generation hat es schon leichter. Ihre Erfahrung mit zwei Kulturen können sie in vieler Hinsicht fruchtbar machen. Doppelbürger von EU-Staaten haben in international ausgerichteten Unternehmen überall sehr gute Chancen. Das Buch enthält je einen Beitrag über das Schweizer Ausländerrecht von 1860 bis 1978 und über die Migrations- und Integrationspolitik der Neunzigerjahre. Durch die leicht verwirrliche Anlage der Durchmischung von ausländischen und schweizerischen Migrationsgeschichten wird das allgemein Menschliche sicht- und spürbar. In Zukunft wird es, das ist sicher, durch die Globalisierung immer mehr Migration geben. Auch viele von uns werden dazu gehören.» Neue Luzerner Zeitung
Entdecken
Im Rahmen von Biografie-Workshops haben sich über siebzig Migrantinnen und Migranten aus sieben Ländern während eines halben Jahres mit ihrer Migrationsgeschichte auseinandergesetzt. Viele Gruppengespräche wurden auf Tonband aufgezeichnet. Einige Workshop-TeilnehmerInnen hielten ihre Erinnerungen schriftlich fest. Ergänzt wurden die schriftlichen und mündlichen Dokumente durch ein- bis zweistündige Video-Interviews, die mit je zwei TeilnehmerInnen pro Workshop durchgeführt wurden. Die 14 geschnittenen Video-Interviews sowie die von den Workshop-TeilnehmerInnen zusammengetragenen Gegenstände, Fotos und Dokumente, die sie an die verschiedenen Etappen ihrer Migration erinnern, wurden für eine Wanderausstellung aufgearbeitet, die im Museum für Gestaltung in Zürich im Oktober 1999 ihren Anfang nahm.
Entstanden ist das Projekt «Da und fort. Leben in zwei Welten» aus der Einsicht, dass Beschäftigung mit Migration nur dann Sinn macht, wenn In- und AusländerInnen gemeinsam über Migrationsprozesse nachdenken, um zu einem besseren Verständnis von unterschiedlichen Erfahrungshintergründen und Werthaltungen zu kommen. Im Vorfeld und parallel zu den Workshops haben sich zwanzig Studierende des Ethnologischen Seminars der Universität Zürich mit «Migration und Urbanisierung in der Schweiz von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart» befasst. Ein Teil ihrer Arbeit wurde in die vorliegende Publikation aufgenommen, um die von den MigrantInnen geleistete Selbsterkundung in einen weiteren Kontext zu stellen.
In der schweizerischen Öffentlichkeit erfuhr die kontroverse Debatte über Integration oder Ausgrenzung von asylsuchenden AusländerInnen in den letzten Jahren eine Verschärfung. Dabei vcreatede die Stereotypisierung des «Asylanten» als einer tendenziell kriminellen, gewalttätigen, parasitären Person den Blick auf die realen Verhältnisse der AusländerInnen in diesem Land: Denn zweifellos hätte die Schweizer Bevölkerung ohne den wirtschaftlichen und kulturellen Beitrag der ArbeitsmigrantInnen und Flüchtlinge ihren heutigen hohen Lebensstandard nicht erreichen können. Auch die Urbanität der Schweizer Städte ist nicht zuletzt ein Produkt kultureller Vielfalt – die in der Migration, und zwar der internen wie der internationalen, ihre Wurzeln hat.
Der Migration ein persönliches Gesicht geben heisst, MigrantInnen selber zu Wort kommen zu lassen. Sie verleihen ihrer Erfahrung der Wanderschaft, der Flucht und des Lebens in der Fremde selbst Ausdruck – in ihren eigenen Worten und Bildern. Von einem solchen Coming-out der Migrantinnen und Migranten in diesem Land können alle, In- und AusländerInnen, in ihrem unmittelbaren Alltag profitieren. Darüber hinaus schärft die Beschäftigung mit Migrationsgeschichte den Blick auf die Wandelbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse: Der Mythos von statischen Ethnien, Nationen und Kulturen, die auf scheinbar festen, ewigen, ja «heiligen» Werten beruhen, wird durch die Wirklichkeit dynamischer Gesellschaften widerlegt.
Der Herausgeber dankt allen TeilnehmerInnen und LeiterInnen der Workshops «Migrantinnen und Migranten erzählen» für ihr grosses Engagement sowie allen, die unentgeltlich bei der Transkription der Tonbandaufnahmen und der Herstellung der Workshop-Broschüren mitgewirkt haben.
Ebenso danke ich allen TeilnehmerInnen der Lehrveranstaltung «Die Stadt im Spiegel der Migration», die mit ihren Diskussionsbeiträgen und Recherchen den Migrationsdiskurs bereichert haben, sowie Bruno Hohl, Kurt Reinhard, Pellegrino
Tremonte und Bonaventura van Eerd für Ideen und Kritik.
Ein weiterer Dank geht an alle MitarbeiterInnen der beteiligten Institutionen und an alle freien MitarbeiterInnen an diesem Projekt für die tadellose fachübergreifende Zusammenarbeit. Den Geldgebern danke ich für die grosszügige Unterstützung von Buch, Ausstellung und Video-Interviews.
Ein grosses Merci an Angela Cadruvi für Inspiration und Auseinandersetzung!
