Der Limmat Verlag
Eine kurze Geschichte und ein Porträt
«Der Limmat Verlag macht seit vielen Jahren schöne Bücher und ein herausragend intelligentes Programm.» Die Zeit
Anfang mit Sachbuch
Der Limmat Verlag wurde am 19. März 1975 ins Handelsregister eingetragen, der bürokratische Akt hatte eine turbulente Vorgeschichte.
Eine studentische Arbeitsgruppe hatte einen Band mit Dokumenten zur Geschichte der schweizerischen Arbeiterbewegung zusammengestellt, und der Huber Verlag wollte ihn herausbringen. Aber ein Telefonanruf verhinderte das, der Verleger und der Anrufer hätten sich aus dem Militär gekannt, ging das Gerücht. Plausibel wärs für die damalige Schweiz. Der neugegründete Verlag Suhrkamp Schweiz sprang ein, aber auch hier erschien er nicht. Wie man im Journal von Siegfried Unseld online nachlesen kann, hat ihn Balthasar Reinhart aus Winterthur angerufen und sich beschwert. Unseld unterdrückte das Werk der «sog. Historiker», wie er sie nannte, noch bevor er eine Zeile davon gelesen hatte. Es gab einen Skandal, Max Frisch tobte und drohte mit Verlagswechsel. Aber die Wogen glätteten sich, Max Frisch ging nicht, das Buch erschien nicht, und Unseld reiste nach Winterthur, wo ihn Reinhart subtil-freundlich darauf aufmerksam machte, dass er finanziell in seinen Händen war.
Das unpublizierte Buch war inzwischen berühmt, es gab Angebote, und die Studentinnen und Studenten stimmten ab. Das knappe Ergebnis war: Wir gründen einen eigenen Verlag. Eine Genossenschaft, für jeden Kopf eine Stimme. Theo Pinkus schenkte ihnen den Verlagsnamen, unter dem er von Zeit zu Zeit ein Buch publiziert hatte. Aus den sog. Historikern wurden nun sog. Verleger, immerhin, Heiner Spiess hatte bereits eine Verlagsbuchhandelslehre bei Diogenes gemacht und eine Ahnung vom Ganzen. Ebenso Jürg Zimmerli, den Heiner Spiess zu Hilfe holte. Sie nahmen einen Kredit auf und publizierten das Buch.
Sie diskutierten nun Manuskripte und hielten alles säuberlich fest in Protokollen, wie sie es an der Universität gelernt hatten. Diese Papiere liegen im Verlagsarchiv und warten auf weitere sog. Historiker:innen, die sich vielleicht einmal dafür interessieren möchten. Daneben studierten sie als echte Student:innen weiter, schlossen ab, stiegen in die Politik ein, schrieben Bücher, wurden Luzerner Regierungsrat, Zürcher Stadtpräsident oder echter Geschichtsprofessor. 1981 gab es erstmals eine Teilzeitstelle und Lohn (für Heiner Spiess), nach einem Streit um die Basisdemokratie, den Wissensvorsprung und die «Macht» der Verlagsprofis im Büro. Im Verlauf der Achtzigerjahre konzentrierte sich das Geschehen nicht ganz konfliktfrei allmählich auf die beiden ‹gelernten› Verleger.

«Mist-Macher-Genossenschaft», schrieb der Arbeitgeberverband der Drucker. Aufgenommen von Jürg Zimmerli Ende der Siebzigerjahre im Limmat-Verlag-Büro in der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung an der Wildbachstrasse 48, Zürich-Seefeld. Die Personen sind: hinten v.l.n.r. Hansjürg Fehr (später Präsident der SP Schweiz), Pierre Bachofner (unser langjähriger Schweizer Buchhandelsvertreter), Heidi Witzig (später Co-Autorin des Standardwerkes «Frauengeschichte(n)»), Heiner Spiess (1948–2006), Jacques von Moos (1946–2021), vorne v.l.n.r. Jean-Pierre Kuster und Peter Aeberli.
Neugier statt Ideologie
«Die Hinwendung des Limmat Verlags zur Geschichte dieses Jahrhunderts entstand aus dem erklärten Defizit an entsprechender Forschung.» Börsenblatt des deutschen Buchhandels
Die «sog. Historiker» Unselds waren einfach eine neue Generation von Historiker:innen. Und es gab Diskussionsbedarf. Den Kalten Krieg der Eltern wollten sie nicht mitmachen, im Gegenteil, was hatten letztere überhaupt gemacht in Zeiten des Faschismus? Und war aus der Geistigen Landesverteidigung nicht ein blinder, gar autoritärer Patriotismus geworden? Eine ganze Reihe von neuen Verlagen (Lenos, Unionsverlag, Rotpunktverlag) wurden gegründet.
Im Limmat Verlag folgte eine Reihe von Sachbüchern zu historischen und politischen Themen, die von den etablierten Verlagen vernachlässigt oder beschwiegen wurden (siehe oben). Sie prägten lange das Verlagsprogramm und das Bild des Verlags in der Öffentlichkeit.

Die populärsten Titel des Verlages erzählten vom antifaschistischen Exil in der Schweiz wie «Die unterbrochene Spur», vom kleinen Kollaborateur, den man hinrichtete in der «Erschiessung des Landesverräters Ernst S.», vom grossen Waffenlieferanten der Nazis in der «Bührle-Saga». «Es ist kalt in Brandenburg» erinnerte an den gescheiterten Hitlerattentäter, den die offizielle Schweiz im Berliner Gefängnis sich selbst überliess. Auch «Die unheimlichen Patrioten» machten Furore. Das Buch brachte rechte bis reaktionäre Netzwerke ans Licht der Öffentlichkeit, die mit viel Heimlichkeit die alte Schweiz zu retten versuchten.
Trotz allem orientierte sich der Verlag nie an einer Ideologie, sondern hielt sich an Relevanz und Qualität. Das am meisten verkaufte Buch über alle Jahre etwa war umstritten im jungen Verlag. Die Autorin Adeline Favre war gegen die Abtreibung, das harmonierte so gar nicht mit dem progressiven Verlagsumfeld. Aber man entschied sich, tolerant zu sein, und 1981 erschien das Buch «Ich, Adeline, Hebamme aus dem Val d’Anniviers» und fasziniert noch heute.
Zur neuen Zeit gehörte auch der neue Feminismus. In den Sechzigerjahren hatte eine junge Frauengeneration keine Geduld mehr mit den patriarchalen Zöpfen, kein Stimmrecht zu haben war für sie nur noch lächerlich. Im Limmat Verlag erschienen nun viele Titel zu Frauengeschichte und Frauenleben, Feminismus und Geschlechterfragen. Auch hier gibt es einen Dokumentenklassiker, bis heute lieferbar, zweimal erweitert und mit einer Fortsetzung im Netz: Die von Elisabeth Joris und Heidi Witzig herausgegebenen «Frauengeschichte(n). Dokumente aus zwei Jahrhunderten zur Situation der Frauen in der Schweiz». Sogar feministische Kinderbilderbücher erschienen in den Achtzigerjahren.
«Ein erstaunlicher Erfolg, der darin liegt, dass es einem kleinen Klub von Idealisten gelingt, Jahr für Jahr diese Bücher zu produzieren und zu vertreiben, Bücher, die nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten ausgewählt werden.» Tages-Anzeiger
Neugier statt Ideologie: Das Prinzip brachte dem Verlag immer wieder Konflikte mit ‹seinem› Publikum – die Identifikation war gross: 1987 erschien Jürg Frischknechts erstes Wanderbuch: «Wandert in der Schweiz, solang es sie noch gibt». Das Wandern war von den Knickerbockern und roten Kniestrümpfen der Landesverteidigungsgeneration geprägt, also protestierte man beim Verlag gegen das reaktionäre Buch – auch, ohne es gelesen zu haben.
Noch einmal verhalf Suhrkamp zu einem Paukenschlag. Kurz vor dem Ende des Kalten Krieges rief Max Frisch an und bot dem Verlag ein Manuskript an. Es hatte Unseld nicht behagt. Jürg Zimmerli sei fast der Telefonhörer aus der Hand gefallen. «Schweiz ohne Armee» wurde ein Riesenerfolg – eine Art Quittung für die Fichenaffäre. Aus dem Erlös kaufte sich der Verlag die ersten Computer: Er wurde damit zum Versuchskaninchen für Lucien Leitess vom Unionsverlag, der in langen Nächten eine Verlagssoftware programmierte, die es heute noch gibt. Und da man schon dabei war und Computer teuer, beschloss man auch gleich zu fusionieren. Drei Verleger, zwei Verlage, eine Kasse. Zehn Jahre lang, dann trennte man sich wieder – in Frieden und Freundschaft, die Verlagsprogramme waren doch zu verschieden und die Computer billiger geworden. (Inzwischen wird EDV wieder teurer und teurer …)
>h3 style="max-width: 800px; padding: 40px 0 0 80px;"Nach dem Kalten KriegDer Kalte Krieg ging zu Ende, in Berlin fiel die Mauer, in der Schweiz platzte die Fichenaffäre. Die alten Fronten begannen zu verschwimmen, der Kapitalismus erklärte sich zum Sieger der Weltgeschichte. Niklaus Meienberg, der mit Büchern etwa über Ernst S. und Maurice Bavaud oder den Wille-Clan das Verlagsprogramm ebenso prägte, wie er heftige Reaktionen der Kaltekriegsschweiz provozierte –, nahm sich vier Jahre nach dem Fall der Mauer das Leben und wird seither vermisst. Heiner Spiess wandte sich der Kunst zu mit dem Verlag Scheidegger & Spiess. Sein Nachfolger Erwin Künzli hatte bei der Verlagsgründung noch in einer Berufslehre in einer Fabrik gesteckt, vor deren Toren die 68er Flugblätter verteilten und von einer Revolution träumten …
Von einem Sprachwissenschaftler wird erzählt, er habe beim Fall der Mauer für ein paar Wochen seine Stimme verloren, dem Limmat Verlag verschlug es die Sprache nicht. Neugier statt Ideologie bewährte sich. Parallel zum Bergier-Bericht erschienen Porträts der Aktivdienstgeneration, Jörg Krummenacher arbeitete akribisch die Flüchtlingspolitik seines Kantons auf. Zwei Bücher erzählten von Holocaustüberlebenden in der Schweiz. Ein grosses Zeitzeugenbuch erinnerte an den zu Unrecht fast unbekannten und vergessenen Carl Lutz, der 1944/45 in Budapest über 50'000 jüdischen Menschen das Leben rettete.
«Ein Verlag, der nie ‹Lämpen› macht, wenn man mit unorthodoxen Ideen kommt, der auch nicht in erster Linie auf die ‹Stütz› schaut, sondern auf gute Bücher. Die Atmosphäre im Verlag ist freundschaftlich, und meine Bücher kann ich von A bis Z mitgestalten.» Niklaus Meienberg
Bei der Fusion mit dem Unionsverlag wurde aus der Genossenschaft eine Aktiengesellschaft und blieb es auch nach der Defusion 2001. Ein Zeichen der Zeit? Nein. Oder nicht nur. Die AG erfordert weniger Bürokratie als eine Genossenschaft. An der Philosophie, dass alle im Verlag sich einbringen und mitreden können sollen, hat sich nichts geändert. Und gelegentlicher Überschuss wird an die Mitarbeitenden im Verlag verteilt, nicht an Aktionäre. Oder als Polster für schlechtere Jahre behalten. Das Aktionariat besteht mehrheitlich aus Menschen im Verlag und seinem Umfeld nebst zugewandten Orten.
Die zweite Hälfte
Erhalten geblieben sind weiterhin zwei grosse Themenkreise, die sich prominent im Programm des Verlags niederschlagen: Gleichberechtigung der Geschlechter und Migration, Ein- wie Auswanderung. Sie durchziehen alle Genres vom Sachbuch über die Biografie und die Literatur bis zur Lyrik.
Die Frage der Gleichberechtigung war bis in die Sechzigerjahre hauptsächlich vom Kampf ums Stimmrecht geprägt. Noch bevor es eingeführt wurde, formulierte eine junge Generation von Feministinnen eine breite Palette von Beschwerden, die trotz vieler Fortschritte die (nicht nur) Schweizer Gesellschaft bis heute beschäftigen: ökonomische Gleichstellung, Care-Arbeit, häusliche und sexualisierte Gewalt, Altersarmut, Abtreibung, Geschlechtermedizin u.v.a.
Unzählige Bücher des Verlags dokumentierten Frauenleben im zwanzigsten Jahrhundert, in Sammelbänden wie in Einzelbiografien. Vom verdingten Mädchen über Anna Göldi oder die erste Pfarrerin Greti Caprez bis zur Biografie über die Autorin Laure Wyss. Auch beim Sachbuch blieben die Geschlechterbeziehungen und Familie als Themen präsent, etwa von Marianne Pletschers «Weggehen ist nicht so einfach» (1977) bis zu «Niemals aus Liebe» von Miriam Suter und Natalia Widla (2024).
Die Auseinandersetzungen um Migration sind älter als der Verlag selbst, die lange Reihe der fremdenfeindlichen Initiativen dokumentiert der Band «Der Schwarzenbacheffekt» von 2022. Unzählige Bücher erzählen von Menschen, die hierherkamen, weil Arbeitskräfte gerufen wurden – oder die gingen, weil die Schweiz ihnen keine Existenzmöglichkeiten bot. Beide Themen werden neben anderen die Gesellschaft weiterbeschäftigen, und der Verlag wird vertiefende Bücher dazu publizieren. Und daneben neugierig die Nase im Wind haben, die Kanäle in sein weitgefächertes Netzwerk offenhalten.
Literatur
Was, Literatur?!!
Noch ein Konflikt. Es habe Menschen gegeben, die dem Verlag übelnahmen, dass ‹ihr› Verlag diesem ‹bürgerlich-eskapistischen› Unterfangen Ressourcen schenkte. Auch hier hielt der Verlag nichts von ideologischen Scheuklappen, sondern interessierte sich einfach für diese Art, Auskunft über die Welt zu gewinnen. Es begann durchaus sinnig mit Emil Zopfis Roman aus der Arbeitswelt, «Jede Minute kostet 33 Franken» von 1977, und der Roman war auch eine Art Paukenschlag mit seiner Geschichte aus der Computerwelt, von der noch kaum jemand eine Ahnung hatte. «Ich begegne nicht sehr vielen Büchern, die mich ganz persönlich betroffen machen. Hier ist eins», sagte Otto F. Walter, und: «Eine Frage voraus: Ist Literatur ein Frühwarnsystem?»
Eine ‹Literaturgeschichte› erzählt man nicht selbst. Im Limmat Verlag blieb das Literarische anfänglich meist nah am Dokumentarischen, kam oft aus der Reportage, die Aushängeschilder waren Niklaus Meienberg, Isolde Schaad und Laure Wyss. Diese Autorinnen waren sehr sprachmächtig und wandten sich bald auch der Fiktion zu, Meienberg publizierte Gedichte. Einige Autoren und Autorinnen – Peter Höner, Emil Zopfi, Anne Cuneo – nutzten für ihre zeit- und gesellschaftskritischen Themen den Kriminalroman, ein Genre, das heutzutage von spezialisierten Verlagen reich bedient wird und im Verlag nicht mehr präsent ist.
Im neuen Jahrtausend wird das Bild des Verlags geprägt von neuen und teilweise vielfach preisgekrönten Stimmen wie Julia Weber, Meral Kureyshi, Usama Al Shahmani, Sarah Elena Müller, Christoph Keller, Alexander Kamber, Anna Ospelt, Katharina Tanner oder Simona Ryser. Die Pflege von Schweizer ‹Klassikern› und eine zweisprachige Lyrikreihe ab 1995 verstärkten das Bild des literarischen Verlags (siehe unten).
Ebenfalls von Anfang an interessierten sich Heiner Spiess und Jürg Zimmerli für die anderen Landessprachen. 1983 erschien mit «Terra matta» das erste Werk von Alberto Nessi noch vor dem italienischen Original. Gleich darauf erwarb der Verlag sämtliche Rechte an den deutschen Übersetzungen von C.F. Ramuz – vom Huber Verlag, dem unfreiwilligen Geburtshelfer von 1974 (siehe oben). Bei der rätoromanischen oder der Tessiner Literatur in deutscher Sprache ist es fast nicht möglich, am Limmat Verlag vorbeizukommen. Bereits 1994 wurde der Limmat Verlag für diese Vermittlungsarbeit mit dem Oertli-Preis ausgezeichnet.

Verleihung des Oertli-Preises 1984. Links Heiner Spiess, zweiter von recht Jürg Zimmerli, in der Mitte Laudatorin Ruth Dreifuss.
Auch die sog. «fünfte Landessprache» – die Nichtlandessprachen, die in der Schweiz gesprochen werden – spielt im Limmat Verlag eine wichtige Rolle, 1998 etwa mit einem albanisch-deutschen Gedichtband von Vaxhid Xhelili oder zwei Büchern aus dem Russischen von Michail Schischkin. (In den gemeinsamen Zeiten mit dem Unionsverlag mussten alle immer wieder die korrekte Aussprache von Autor:innen von weit her lernen. Nun kam die Welt in die Schweiz, und auch wir übten: Vaxhid Xhelili = Watschid Tschelili.)
Summa summarum
Der Limmat Verlag war immer politisch unabhängig, oft anwaltschaftlich, aber nie aktivistisch. Neugier statt Ideologie eben. Und bei jedem Buch lässt sich mindestens ein Zipfel Schweiz ausmachen, auch im Porträtband «Frauen in Kosova» oder den «Poemas de amor» von Alfonsina Storni: Es ist diese Ausrichtung auf die eigene politische und kulturelle Zugehörigkeit, das «Grabe, wo du stehst», die aus dem Verlag eine Art Service-Publique-Unternehmen machen. Der Ansatz ist Neugier und Engagement. Sehenden Auges werden auch wenig ökonomischen Erfolg versprechende Titel realisiert, weil sie als wichtig erachtet werden. (Und wichtig werden können wie «Schwarze Geschäfte» über die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel, die 2005 nur wenige interessierten. 15 Jahre später war aus dem Ladenhüter plötzlich heisse Ware geworden.)
Der Service-Publique-Gedanke besagt auch, dass man sich um Anliegen kümmert, für die sich ausländische Verlage oder Konzernverlage nicht interessieren würden. Sinnbildlich könnte man die «Frauen in Kosova» erwähnen: Kein grosser ökonomischer Erfolg, aber lange Zeit war das Buch die einzige Quelle für Lehrer:innen, die etwas über den lebensweltlichen Bedingungen der Kinder mit kosovarischem Hintergrund erfahren wollten. Und es wurde übersetzt ins Albanische wie ins Serbische.
Das Lokale ist also nicht zu verwechseln mit dem Provinziellen, schon gar nicht in der Literatur, wo die geografische Nähe auch dem Wunsch entspricht, eng mit den Autoren und Autorinnen zusammenzuarbeiten.
Mehr denn je betrachtet der Verlag das Buch als wichtiges Medium, gerade in Zeiten, in denen Informationen immer kürzer und fragmentierter werden und durch die Künstliche Intelligenz auch immer mehr die Verbindung zu den Quellen verlieren. Paradoxerweise nimmt die Lesefähigkeit ab, während die Komplexität der Welt zunimmt. Es lebe das Buch! Das Buch ist das ideale Medium der Vertiefung und Komplexität.
2022 wurde der Verlag zum Verlag des Jahres gewählt, 2023 erhielt er den ProLitteris-Preis und 2025 eine Auszeichnung der Stadt Zürich für die Verdienste an der Literatur.
«Der Limmat Verlag hätte für seine Buchkünste schon längst einmal einen dieser güldenen Gautschbriefe oder marmornen Gutenberg-Taler verdient!» Die Zeit

Das Verlagsteam 2026: V.l.: Jana Sonderegger, Ayélen Barroso, Trix Krebs, Lukas Haller, Laila
Schneebeli, Larissa Waibel, Erwin Künzli
Zum Programm
Übersetzungen
Übersetzungen sind sowohl ein Service Publique wie eine Leidenschaft für die Vielsprachigkeit der Schweiz, übersetzte Literatur soll helfen, die naturgemäss vorhandenen Gräben immer wieder zu überbrücken. Insbesondere zweisprachige Ausgaben machen die anderen Landessprachen leicht zugänglich. Zur deutschsprachigen Präsenz des Tessins und des Rätoromanischen hat der Limmat Verlag entscheidend beigetragen.
Ökonomisch sind sie schwierig: Zwar unterstützt die Pro Helvetia in den meisten Fällen die Übersetzung, allerdings gibt es keine Druckkostenzuschüsse, und Lesungen sind viel schwieriger zu veranstalten. Wenn sie übersetzt sind, ist der Sprung über den Rösti-, Risotto- oder Capunsgraben noch nicht geglückt, es braucht mehr Vermittlungsarbeit als für deutschsprachige Originaltexte.
Übersetzte Autor:innen:
- Rätoromanisch: Cla Biert, Luisa Famos, Oscar Peer, Jon Semadeni, Arnold Spescha, Leo Tuor.
- Italienisch: Alida Airaghi, Fabiano Alborghetti, Franco Beltrametti, Sandro Beretta, Donata Berra, Yari Bernasconi, Aurelio Buletti, Francesco Chiesa, Massimo Daviddi, Remo Fasani, Anna Felder, Lina Fritschi, Federico Hindermann, Pierre Lepori, Pietro de Marchi, Plinio Martini, Renato Martinoni, Alberto Nessi, Giorgio Orelli, Giovanni Orelli, Enzo Pelli, Ugo Petrini, Dubravko Pusek, Fabio Pusterla, Stefano Raimondi, Antonio Rossi, Anna Ruchat, Elena Spoerl-Voegtli.
- Französisch: Gisèle Ansorge, S. Corinna Bille, Maurice Chappaz, Pierre Chappuis, Michel Contat, Georges Haldas, Anne Cuneo, Douna Loup, Charles Racine, Charles Ferdinand Ramuz, Werner Renfer, Gustave Roud, Daniel de Roulet, Jean-Pierre Schlunegger, Fanny Wobmann.
- Englisch: Vincent O. Carter, Franco Beltrametti.
Walserdeutsch: Anna Maria Bacher
Friaulisch: Leonardo Zanier
Albanisch: Vaxhid Xhelili, Shaip Beqiri
Ungarisch: Agnes Mirtse
Russisch: Michail Schischkin
Zweisprachige Lyrik
1995 erschien ein zweisprachiger Gedichtband von Alberto Nessi, worauf Hugo Loetscher fand, der grosse Giorgio Orelli sollte ebenfalls so einen erhalten und damit der deutschsprachigen Welt zugänglich werden. («Rückspiel / Partita di Ritorno» sollte der einzige Band bleiben, der eine 2. Auflage erlebte.) Sein Wunsch war uns Befehl und entfachte eine neue Leidenschaft. Seither sind an die 50 zweisprachige Gedichtbände erschienen mit dem unbestreitbaren Höhepunkt von 2013, der mehrsprachigen Lyrikanthologie «Moderne Poesie in der Schweiz», mit der Roger Perret als Herausgeber neue Massstäbe setzte. Auch hier ist die «fünfte Landessprache» vertreten. Zum 50-Jahr-Jubiläum erscheinen 50 Gedichte aus diesen Bänden, herausgegeben von Usama Al Shahmani. Im Übrigen hat sich der Verlag diese Reihe ohne Namen etwas kosten lassen, rund eine Million Franken dürfte er insgesamt querfinanziert haben.
Sprachen: Albanisch, Englisch, Französisch, Friaulisch, Italienisch, Rätoromanisch, Spanisch, Ungarisch, Walserdeutsch.
Das literarische Erbe
- Erika Burkart: Zum 100. Geburtstag erschien 2022 mit «Spiegelschrift» die grosse Auswahl aus ihrem Werk sowie eine kritische Gesamtausgabe in elektronischer Form.
- Adelheid Duvanel: 2021 erschienen zum 25. Todestag sämtliche Erzählungen Duvanels unter den Titel «Fern von hier» und machten im ganzen deutschsprachigen Raum Furore. Nach der grossen Ausgabe der Briefe wird das Werk vervollständigt mit der Ausgabe von Kolumnen, Rezensionen und weiteren Alltagstexten.
- Friedrich Glauser: 1992 und 1993 erschien die Gesamtausgabe seines erzählerischen Werks in vier Bänden und brachte den bisher als Autor der Studer-Kriminalromane als grossen Erzähler ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Mit «Gourrama» wurde Ende 1997 die Neuedition aller sieben Romane auf der Basis der Manuskripte abgeschlossen. Sie ist heute im Unionsverlag lieferbar. Übrigens wurden die Erzählbände sowohl als schönste Schweizer wie als schönste deutsche Bücher ausgezeichnet.
- Mit den gesammelten Werken von Alexander Xaver Gwerder und Walter Gross erhielten zwei grosse Schweizer Lyriker eine Präsenz.
- Meinrad Inglin: Nach der Geschäftsaufgabe des Ammann Verlags übernahm der Limmat Verlag die Pflege des Werks von Meinrad Inglin in 10 Bänden, vergriffene Bände erscheinen im neuen Layout und überprüfter Textgestalt.
- Plinio Martini: Das Werk von Plinio Martini wird in deutscher Übersetzung ebenfalls im Limmat Verlag betreut, wie andere Tessiner Autoren präsent gehalten werden, etwa Giorgio Orelli, Giovanni Orelli, Francesco Chiesa.
- Mariella Mehr: Die wichtigsten Werke – die sog. Gewalttrilogie – sind im Limmat Verlag neu aufgelegt worden ebenso wie ein Sammelband und zuletzt der Roman «Zeus oder der Zwillingston» und die Rede «Von Mäusen und Menschen».
- Charles Ferdinand Ramuz: Seit den Achtzigerjahren versucht der Verlag, das Werk dieses grossen Schweizer Autors im deutschsprachigen Raum präsent zu halten. Spektakulär gelang dies mit der Erstübersetzung des Romans «Sturz in die Sonne». Den Schwung nutzt der Verlag, nun auch die beiden anderen unübersetzten Romane ins Deutsche zu übertragen.
- Aline Valangin bleibt präsent mit den wichtigsten Werken, Annemarie von Matt mit einem repräsentativen Band, Luisa Famos mit ihrer Poesie.
Biografien
Der Verlag nennt es «Dokumentation des Alltags in Biografien», eine Art Inland-Ethnologie in Form von Lebensläufen, denn die meisten Menschen denken über ihr Leben in der Form einer Geschichte, der Geschichte ihres Lebens, nach. Die Lebensgeschichten im Limmat Verlag widmen sich der Zeugenschaft: Wie ist es dir ergangen? Kindheitserinnerungen und Biografien von Verdingkindern stehen neben dem Tagebuch einer Tochter aus dem Basler «Daig», die Memoiren eines Bergpfarrers neben den Erinnerungen eines Bauernbubs aus Meggen am Vierwaldstättersee, das Sachbuch über die letzte Hexe Anna Göldi neben Porträts von Holocaust-Überlebenden, von Migranten, Secondas und Sans-Papiers, die von der Nothilfe leben. Und manchmal wächst sich eine Lebensgeschichte zu einem grandiosen Theaterbuch aus wie im Fall von Robert Hunger-Bühler.
Von 1996–2014 erschien «Das volkskundliche Taschenbuch» im Limmat Verlag, herausgegeben von Paul Hugger in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, «herrliche Selberlebensbeschreibungen» (Die Zeit), dann hat die Gesellschaft sich wieder in die Wissenschaft zurückgezogen.
Viele dieser Lebensgeschichten erlebten mehrere Auflagen, am erfolgreichsten war die Hebamme Adeline Favre mit weit über 100'000 verkauften Exemplaren in allen Auflagen. Weitere sehr erfolgreiche Werke waren die «Geschichte zweier Leben» über Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin, «Die Schwabengängerin» von Regina Lampert, «Wenn du absolut nach Amerika willst, so geh in Gottes Namen!» oder «Alljährlich im Frühjahr schwärmen unsere jungen Mädchen nach England» und «Die illegale Pfarrerin» von Christina Caprez.
Im Jahr 2005 erschien mit Auszügen aus diesen Werken die Anthologie «Mein Leben und ich», 2015 eine weitere mit «Kindheit in der Schweiz», begleitet vom gleichnamigen Fotoband.
Fotografie
Von 1989 bis 2018 erschienen zahlreiche Fotobände, vorwiegend fotogeschichtliche Arbeiten. (Danach hat mit Jürg Zimmerli auch die entsprechende Expertise den Verlag verlassen.) Den Beginn machen «WeltGeschichten. Photoalben aus der Sammlung Peter Herzog» und der Fotoband «Sensationen vom Dorfe» von Josef Burri, der zwei Auflagen erreichte. Der erfolgreichste Band mit fünf Auflagen war das Buch «Tausend Blicke» mit Kinderfotografien von Emil Brunner, die zugehörige Ausstellung wanderte bis nach Amsterdam. Ein anderer Band dokumentiert die in Europa einzigartige Sammlung von Porträts der Bewohner von drei Dörfern im Jahr 1940 aus Anlass der Einführung der Identitätskarte in der Schweiz: «Sommer 1940. Leute im Thal».
Ebenfalls von vielen Ausstellungen in Rom, Chur, Zürich, Chiasso etc. begleitet war «Il lungo addio / Der lange Abschied» über die italienische Migration in die Schweiz, herausgegeben von Dieter Bachmann. Waren hier professionelle Fotografien versammelt, so dokumentierte «Grazie a voi.» die italienische Migration in die Schweiz anhand privater Fotoalben.
Weitere Bände etwa sind Rob Gnant und Yves Dalain gewidmet, Theo Frey, Emil Schulthess, Kurt Blum, Hans Steiner, Roberto Donetta, Leonard von Matt und anderen.
Zum 40-Jahr-Jubiläum des Verlags kuratierte Peter Pfrunder von der Fotostiftung Schweiz den wunderbaren Band «Kindheit in der Schweiz» als Pendant zum gleichnamigen Erzählband.
Turicensia
Mit seinem Sitz in Zürich sieht sich der Verlag auch zu einem gewissen Service Publique für Stadt und Kanton in der Pflicht. Gattungsübergreifend sind um die sechzig Bücher erschienen, Kulturgeschichtliches, Biografien, Geschichten von Institutionen.
Hier ist zuerst der Name von Ute Kröger zu würdigen, die mit immenser Forschungsarbeit und vielen Publikationen allein eine halbe Kulturgeschichte von Zürich geschrieben hat. Allen voran ist «Zürich, du mein blaues Wunder. Literarische Streifzüge durch eine europäische Kulturstadt» zu erwähnen, dazu das Pendant «Nirgends Sünde, nirgends Laster. Zürich inspiriert Literaten» mit literarischen Porträts der Stadt. Und Ute Kröger hat nicht nur die Geschichte des Schauspielhauses geschrieben (zusammen mit Peter Exinger), sondern auch die Zürcher Jahre von Erika Mann, Gottfried Semper und Else Lasker-Schüler aufgearbeitet und Preziosen wie «Vreneli’s Gärtli» von Oskar Panizza oder «Frühling in der Schweiz» von Ricarda Huch herausgegeben.
Daneben gibt es im Verlag einen Friedhofsführer, einen Stadtführer zu den Jahren 1933–1945, einen Frauenstadtplan, Frauenstadtrundgänge oder eine Geschichte der Frauen in der Gastronomie. Es gibt die Geschichte der Museumsgesellschaft, der Volkshochschule, des Frauenhauses, der Roten Fabrik, der PUK Burghölzli oder ein Porträt des städtischen öffentlichen Verkehrs aus der Tramführerkabine. Und schliesslich viel Biografisches wie der wunderbare autobiografische Roman «Hans Grünauer» von Jakob Senn, die Porträts von ledig gebliebenen Frauen aus einem Zürcher Altersheim oder ein Band mit Frauenporträts aus dem Kanton Zürich.



















