Die Titscha

Die Titscha

Der Lebensroman meiner schlesischen Grossmutter im Oberwallis

1. Auflage, gebunden, 256 Seiten

April 2026
SFr. 32.–, 32.– € / E-Book SFr. 25.–
ISBN 978-3-03926-108-6
*Leseprobe

1906: Im Oberwalliser Dorf Visperterminen herrscht grosse Not. Die Armut und andauernde Trockenheit zwingen viele, auszuwandern, so auch die Brüder Gustav und Alphons Briggeler, die als Melker nach Bad Kudowa in Schlesien gehen. Dort heiraten sie die Schwestern Anna und Elisabeth, Jahre später kehren die jungen Familien ins Wallis zurück. Die Aussichten, hier gut leben zu können, haben sich verbessert, mittlerweile wurde ein Stollen gebaut, der das Bergdorf mit Wasser versorgt.

Als Anna unerwartet stirbt, ist Elisabeth die einzige Fremde im Dorf. Die Terbiner grenzen sie aus, nennen sie «die Titscha». Gustav und Elisabeth kämpfen sich durch, trotz Aussenseiterstatus, wenig Geld und eines schlimmen Unfalls, der ihren Arbeitsalltag für immer beeinträchtigen wird.

Odilo Abgottspons Grossmutter Elisabeth wird zur zentralen Figur in diesem Lebensroman einer Familie über mehrere Generationen. Eindrücklich beschreibt Abgottspon die harte Arbeit, die Not und Angst, aber auch den Zusammenhalt und die alltäglichen Freuden. Und zeichnet die Veränderungen nach, die das Dorf während fast hundert Jahren erfahren hat.

Odilo Abgottspon
Bildrechte: Markus Beyeler
Odilo Abgottspon, geboren 1956 in Visperterminen, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Danach wirkte er als Deutschlehrer an Gymnasien in Rom und Luzern. «Die Titscha» ist sein erster Roman. Odilo Abgottspon lebt in Bern und im Wallis.

«In einer Mischung aus romanhaft erzählter Familiengeschichte, Erinnerungen seiner Großmutter und anderer Familienmitglieder des Autors werden ihre Lebenswege und -orte nachgezeichnet inklusive der Ende 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts im Wallis herrschenden Armut.» Frank Seeger, ekz.bibliotheksservice

«In Abgottspons Familienroman erfährt man viel über das beschwerliche Leben damals, das sich von Generation zu Generation nur wenig verbesserte.» Salome Müller, Die Zeit

«Ein ausdrucksstarkes und vielschichtiges Buch!» Peter Beutler, Autor

«Seine detailreichen und bildhaften Schilderungen der Ereignisse berühren zutiefst. Für alle, die Visperterminen und die faszinierende Oberwalliser Landschaft kennen und lieben, wird dieses Buch eine Quelle von Erinnerungen und Inspiration sein und lässt mit Respekt und Bewunderung zurückblicken.» Margrit Lustenberger, Seetaler Bote

«Ein bewegender, einfühlsamer Roman über Not, Zusammenhalt und die leisen Veränderungen über Generationen hinweg.» Sandra Bellini, Buchhandlung Bellini

«Unbeirrbar trotzt eine Schlesierin den Widerständen im Bergdorf Visperterminen.» Walliser Zeitung

«Ein Buch mit interessanten, autobiografisch gefärbten Einblicken in die damaligen Lebensumstände und zeitweise flotten, romanhaften Passagen.» Thomas Baumann, Walliser Zeitung

Donnerstag, 24. September 2026
19:30 Uhr

Luzerner Stadtbibliothek
Löwenplatz 10, 6000 Luzern, Schweiz

Die Titscha

Lesung und Gespräch mit Odilo Abgottspon

Odilo Abgottspon liest aus und spricht über «Die Titscha»
mehr Informationen

T: +41 417 07 07
info@bvl.ch
bvl.ch/veranstaltungen

 

Odilo Abgottspon, «Die Titscha» beruht auf Ihrer Familiengeschichte – was hat Sie inspiriert, diese Geschichte aufzuschreiben?

Seit meine Grossmutter Elisabeth gestorben war, wollte ich über ihr bewegtes Leben schreiben. Sie hat im Alter bei uns gelebt und wusste viel Aussergewöhnliches zu erzählen.  Schon damals war mir klar, dass diese Lebenserfahrungen nicht der Vergessenheit anheimfallen dürfen, und dass ihre Geschichte exemplarisch steht für andere. Nur musste ich warten, bis sich mir mit der Pensionierung der Freiraum geboten hat, richtig zur Feder zu greifen.

Ihre Grossmutter Elisabeth wanderte von Schlesien ins Oberwalliser Bergdorf Visperterminen ein, eine Bewegung, die seltener dokumentiert ist, sonst kennen wir vor allem Auswanderungsgeschichten. Auf welche Hürden traf sie hier?

Sie traf 1920 auf eine hermetische Dorfgemeinschaft, die sie nicht mit offenen Armen empfing. Sie blieb lange die Fremde, die eine andere Sprache – Schlesisch – sprach und sich anders kleidete als die Terbinerinnen. Man nannte sie «die Titscha». Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland begegneten die meisten Dorfbewohner:innen ihr noch distanzierter, auch wenn meine Grossmutter nichts mit den Vorgängen in Deutschland verband. Die Leute sprachen nicht mit ihr, sie taten, als ob sie nicht existierte, sie verkauften ihrer Familie kein Land zur landwirtschaftlichen Nutzung. Das war für Elisabeth sehr schwierig. Ihr Mann Gustav und ihr Schwiegervater versuchten immer wieder zu vermitteln, die Wogen zu glätten.
Meine Grosseltern lebten mit ihrer Familie in einem kleinen Weiler ausserhalb des Dorfs, einen Grossteil des Lebens verbrachten sie dort. Hätten sie im Dorf gelebt, wäre dies alles wohl schwerer auszuhalten gewesen. In Brunnu hatten sie trotz allem viel Schönes in ihrem Leben.

Eindrücklich schildern Sie, wie Elisabeth als Aussenseiterin wahrgenommen wurde, weil sie gewisse Dinge anders machte als die Terbiner. Heute sehen wir darin ihren Pionierinnengeist. Worin erkennt man heute im Dorf ihre Spuren?

Elisabeth starb 1985; wie leider fast alle Verstorbenen hat man in der Dorfgemeinschaft auch sie vergessen. Sie hatte aus Schlesien Gemüse wie Lauch, Kohlrabi oder Kabis mitgebracht, die man damals im Wallis nicht kannte, ausserdem besass sie grosse Kenntnisse der Speisepilze. Diese Dinge bestätigten in den Augen der Dorfgemeinschaft nur die Armut der Familie, denn sie glaubten, nicht mal Tiere fressen Pilze. Meine Grossmutter besass zehn mehr oder weniger grosse Gärten. In den 1950er- und -60er-Jahren übernahmen die Menschen, gefördert vom Kanton, Elisabeths Vielfalt im Gemüsegarten. Sie schaffte es auch, mit einfachsten Mitteln Teigwaren, zum Beispiel Nudeln herzustellen. Die langen dünnen Streifen wurden auf der Bettdecke zum Trocknen ausgelegt.

Das Buch gibt Einblick in das Leben im Bergdorf über eine Zeitspanne von fast hundert Jahren – von 1880 bis in die 1980er-Jahre. Was sind die grössten Veränderungen, die die Bevölkerung von Visperterminen erlebt hat?

Das ausgesprochen wasserarme Visperterminen erlebte mit dem Bau eines Stollens, der Gletscherwasser aufs Gemeindegebiet brachte, eine grosse Verbesserung der Lebensbedingungen auf 1350 Metern über Meer, nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr als ein Fünftel der Bevölkerung mehr oder weniger unfreiwillig nach Amerika, vor allem Argentinien ausgewandert war. Das Dorf pflegte eine vielfältige Kultur mit Sitten und Bräuchen, die viele Jahrzehnte unverändert blieben. Einschneidende Veränderungen waren beispielsweise der Bau eines Schulhauses mit ausreichend Platz sowie einen fürs Dorfleben wichtigen Gemeindesaal in den 1920er-Jahren, sowie der langersehnte Bau der Strasse von Visp, die 1939 das Dorf erreichte und das Leben um vieles erleichterte. Nach 1960 öffnete sich die Dorfgemeinschaft der liberalen Gesellschaftsordnung, ohne dabei alles Alte blind über Bord zu werfen. Die meisten Menschen sind Mitglieder in Vereinen, die ein vielseitiges Dorfleben ermöglichen; der konservative Geist mit katholischem Fundament ist einer offenen und friedlichen Mentalität gewichen.

Ihr «Lebensroman» ist dokumentarisch und fiktiv zugleich – wie sind Sie zu dieser Form gelangt?

Im Roman wird alles Dokumentarische, Faktische zur Fiktion. Andererseits kann man nicht schreiben ohne Lebenserfahrungen, die fantastischste Geschichte, die die Grenzen unserer Erfahrungswelt noch so radikal übersteigt, basiert auf Lebenserfahrung. Die Mischform weist den spannenden Effekt auf, dass sich im Fiktiven, bei mir im Mikrokosmos des Bergdorfs, die grossen Entwicklungen und Ereignisse spiegeln. Wie im Vergrösserungsglas sieht man das Grosse im Kleinen.

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