Double
Übersetzt von Maria Hoffmann-Dartevelle
gebunden, 216 Seiten
August 1998
Bildrechte: Ayşe Yavaş
Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.
Pressestimmen
Tages-Anzeiger, 22. August 1998
Neue Zürcher Zeitung, 26. September 1998
Zur Verwechslung mit Peter Gasser: WoZ, 1. Oktober 1998; Le Temps, 19. Oktober 1998
«An den Fichenstoff ist mit Daniel de Roulet der Richtige geraten. Eine subtile Analyse und ein feiner Witz durchzieht das Buch, das frei ist von Opfergehabe, sondern versucht, die kafkaesken Irrungen und Wirrungen unseres Staatsapparates deutlich zu machen.» Paranoia City Buchhandlung, Zürich
«L'écriture du livre est précise, froide, désincarnée et efficace. Comme un rapport. Au jeu du miroir, la police s'est fait piéger. Elle peut désormais lire son histoire écrite avec ses propres mot. De Roulet (à moins que ce soit ‹R›) a retourné la langue policière contre ses maîtres.» Libération
«... comme le dit le dossier de police, ...
A coup de phrases courtes, Daniel de Roulet raconte cette longue histoire avec ironie et un certain détachement. Même si les fiches qui lui ont été consacrées pèsent plus de trois kilos, les preuves amassées contre ce rebelle sont drôlement minces. Mais rendu à sa condition d'écrivain, l'auteur romand peut sourire ...» Tribune de Genève
«Vergangenheitsermittlungen betrieben hat Daniel de Roulet in seinem Bericht ‹Double›. Und dieser unverwechselbare Autor aus Genf hat dabei die erschreckende Erkenntnis machen müssen, dass er von den Fichenpolizisten jahrelang mit jemandem verwechselt wurde. Will das, neun Jahre nach dem Fichenskandal, noch jemand lesen? Ja – wenn es so spannend geschrieben ist, so zwingend und beunruhigend.» Sonntags-Zeitung
«Daniel de Roulet verhandelt das ‹defekte Ich› (Muschg), herangereift im Grossbürgertum, verfolgt, listig – überlebend. De Roulet holt in seinem Schelmenstück sich selbst und seine Figuren zurück in die noch nicht ganz verlorene Welt der Ambivalenz.» Alexandra M. Kedveš, NZZ
«Diese Geschichte eines Zeitgenossen liest man in einem Zug, von einer Enthüllung zur nächsten gehetzt. ‹Double› wirft ein grelles Licht auf die Geschichte der Schweiz der letzten Jahrzehnte, es öffnet ein neues Fenster auf das geistige Klima des Landes in den 70er und 80er Jahren.» Tages-Anzeiger
«De Roulets Buch lässt die 68er Bewegung wieder aufleben, aber für einmal nicht als Spektakel und Genussfest, wie es die Medien alle fünf Jahre hervorkramen, sondern als politische Leidenschaft mit einem Stich ins märtyrerhaft Asketische. Jahre nach dem ‹Fichen-Skandal› entstand ein vorzüglicher Schweizer Fichen-Roman. ‹Ein Bericht›, wie der Untertitel sagt; aber nicht zuhanden der diensthabenden Aktenstelle, sondern für die Öffentlichkeit.» Neue Zürcher Zeitung
Entdecken
»Wenn der Betrieb nicht weiter wächst, geht er zugrunde«, sagt er und hofft, ich würde die Fortsetzung erraten. Aber mir muß man alles erklären.
Sein Softwarehaus zählt nur etwa zehn Ingenieure, die alle für denselben Kunden, eine große Elektronikfirma, arbeiten. Diese ist auf Spezialisten angewiesen, die die Software für ihre Hauptprodukte entwickeln. Ein günstiger Moment also, höher zu reizen. Mein gewiefter Chef plant, diesem Kunden seinen Betrieb zu verkaufen (vor allem aber seine Angestellten). Er wird einen satten Gewinn einstreichen, den er in ein neues Abenteuer zu investieren gedenkt. Mich will er im Sammelpack mitverkaufen. Ich erkläre ihm, daß ich mich beruflich noch nicht reif genug fühle. Ich hätte vor, einige Kurse zur Vertiefung meiner Kenntnisse zu belegen, und würde mir den Sprung in eine große Firma gerne noch einmal überlegen.
Er hat noch zwei Argumente auf Lager.
Erstens hätte ich mit seiner Hilfe Berufspraxis erlangt, er habe meine anfängliche Inkompetenz in Kauf genommen. In der Tat seien meine Fortschritte nach sechs Monaten so beachtlich, daß er mir eine große Zukunft voraussage. Deshalb habe er mein Gehalt seinem Kunden gegenüber dreimal so hoch beziffert, wie es in Wirklichkeit sei. Im übrigen wolle er mich, wo er mich schon mit dem Mobiliar verkaufe, auch besonders zur Geltung bringen. Und: Sollte ich ablehnen, wäre dies ein bedeutender Verlust für ihn wie für mich.
»Zweitens«, fährt er fort, seine Augen wie ein Tatare zusammenkneifend und eine Fritte schwenkend, um seine Worte zu unterstreichen, »zweitens drückt mein Kunde bei Ihrer Einstellung beide Augen vor Ihrer Vergangenheit zu.«
Mein Gesichtsausdruck verrät ihm, daß er ins Schwarze getroffen hat, obwohl ich entgegne:
»Meiner Vergangenheit habe ich nichts vorzuwerfen.«
Als Ostflüchtling hat er die Freiheit gewählt. Jetzt, wo er bei uns ist, will er sich lieber nicht einmischen …
»Was wird mir denn vorgeworfen?«
»Jedes Land hat seine Geheimpolizei. Die Stasi ist auch nicht schlimmer als euer Schnüfflerverein.«
Ich versuche herauszubekommen, woher er Bescheid weiß und wer Kontakt mit ihm aufgenommen hat. Was wird mir vorgeworfen? Und wenn es gar nicht stimmt?
Er wedelt abwehrend mit einer Fritte und will hier und jetzt eine Entscheidung von mir.
»Es ist ein gutes Geschäft für alle Beteiligten.«
»Na gut«, sage ich und klaue ihm zwei Fritten von seinem Teller.
Anschließend diskutieren wir über die geplanten Fernalarmsysteme für Atomkraftwerke. Eine spannende Arbeit, die zugleich dem Bevölkerungsschutz dient. Dann steigen wir wieder in seinen Sportwagen. Beim Schließen des Verdecks klemme ich mir einen Finger ein.
