Im Tram
Anleitung zum Vorwärtskommen
Mit Illustrationen von Anna Sommer / Mit einem Vorwort von Peter Weber
gebunden, 128 Seiten, 7 Abb.
Juni 2007Wie macht man an einer Haltestelle auf sich aufmerksam, damit sich die Tramtüren öffnen? Wo stellt man sich mit einem Kinderwagen hin, um es samt Nachwuchs ins Tram zu schaffen? Und wie lassen sich Zeichen und Mimik der Tramführer deuten, damit man schnellstens ans Ziel kommt?
Der urbane Alltag stellt elementare Fragen, gerade was den Gebrauch des Trams betrifft. 'Im Tram' liefert die Antworten, anschaulich und direkt aus der Praxis – dank mehrjähriger vertiefter Beobachtung des Autors am Ort des Geschehens, der Führerkabine. Darüber hinaus legt Thomas Schenk die tiefere Logik des Strassenverkehrs frei und ergründet die Psyche des Tramführers wie der Fahrgäste. Ganz nebenbei zeigt er die Stadt Zürich aus leicht erhöhter Perspektive, wenn er an gestauten Autokolonnen und blühenden Magnolien vorbeirauscht.

Bildrechte: Limmat Verlag

Bildrechte: Anita Affentranger
Anna Sommer, geborgen 1968 in Staffelbach AG. Lebt und arbeitet in Zürich als freischaffende Comiczeichnerin und Illustratorin unter anderem für «NZZ Folio», «Die Zeit», «Libération» und «Strapazin. Sie wurde im Jahre 2006 von der Stadt Zürich mit dem Werkjahr im Bereich Comics ausgezeichnet.
Von Anna Sommer sind Postkarten erhältlich.
Pressestimmen
«Das sehr schön gestaltete Buch (mit Illustrationen von Anna Sommer) ist ein kleines Brevier des Stadtzürcher Alltags, wie er sich präsentiert, wo sich die Menschen wohl oder übel nahe sind, sich gegenseitig beobachten, zulächeln, um die besten Sitzplätze kämpfen.» Der Landbote
«Schöner Tram fahren.» Solothurner Zeitung
«Schenk fährt nicht bloss, er sinniert gar auf den Geleisen.» Tages-Anzeiger
«Schenk ist Quereinsteiger in der Tramfahrerkabine; mit Witz klärt er das Rätsel vom Trämmler, dem unbekannten Wesen. Man weiss nach der Lektüre: Die denken ja mehr beim Fahren, als man denkt!» Facts
«‹Im Tram› ist gesellschaftliche Momentaufnahme und geistiger Bildausschnitt zugleich. Natürlich erzählt Schenk auch allerhand Wissens- und Liebenswertes über die Zürcher Trams; vor allem aber beobachtet er die grösste Schweizer Stadt, ihre Menschen und deren Marotten. Nach der Lektüre von ‹Im Tram› ist Tramfahren nie mehr wie zuvor. Versprochen!» Südostschweiz
«Jetzt liegt eine Sammlung der Texte als Büchlein vor (das zusätzlich in den Umschlaginnenseiten eine hübsche Bildergeschichte von Anna Sommer). Ein erstklassiges Kompendium, das Antworten auf viele Fragen aus dem urbanen Leben bereithält, auf gestellte und auf bisher ungestellte. (... )Es ist ein anderer Blick auf die Welt (vorliegend: Zürich), den Thomas Schenk aus seiner Warte wirft und der in präzise, minuziöse Beschreibungen mündet. Das ergibt eine prima Unterhaltung für Badeanstalt oder Balkon. Weniger fürs Tram: Dort ist ja, wie das Buch eindrücklich zeigt, auch ohne Lektüre genug zu erleben.» VPOD-Magazin
«Thomas Schenks feine, ironische, immer aber liebenswürdige Schreibe macht es einem leicht. Für Nicht-Zürcherinnen sind die gesammelten Kolumnen deshalb interessant, weil sie viele Hintergründe über die Verehrung der Limmatstädter ihrem liebsten Massenverkehrsmittel gegenüber vermitteln. Selbst als eingefleischter Velofahrer versteht man am Ende warum: Im nüchternen Züritram werden Geschichten geschrieben.» Velojournal
«Wer das Tram einmal aus einem anderen Blickwinkel erleben will, wird an diesem Büchlein seine wahre Freude haben.» Tram. Illustrierte Fachzeitschrift für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz
Entdecken
Obwohl es sich ja nicht um eine Pflicht handelt. Es ist eine Frage des Anstands. Wer nicht grüsst, sagte mein Fahrlehrer, gilt als hochnäsig. Mit den Handzeichen zeige man, dass man zur gleichen Firma gehört. Und es lassen sich Lebenszeichen austauschen, was nötig ist, schliesslich sitzt man den ganzen Tag alleine in der Kabine. Dieses Bedürfnis kennen auch die Lokführer der SBB. Wenn die sich kreuzen, habe ich mir sagen lassen, werde rege gestikuliert, selbst bei hundert Stundenkilometern.
Ich rede hier nicht von Kleinigkeiten, hier handelt es sich um eine körperliche Tätigkeit. In Zahlen: Exakt 223 Mal habe ich kürzlich meine Hand zum Gruss erhoben, als ich fünf Stunden auf der Linie 3 zwischen Klusplatz und Albisrieden hin- und herfuhr. Auch die Erwiderungsquote meiner Kolleginnen und Kollegen ist rekordverdächtig. Ganze 204 haben auf meinen Gruss reagiert, über neunzig Prozent.
Nicht auf allen Strecken wird die gleiche Gebärdensprache gepflegt. In Reinform lässt sie sich auf langen Linien erleben. Hier gehen die Zeichen vom coolen Heben des Zeigefingers über das schulmässige Aufstrecken der Hand bis zum energischen Schwenken des gestreckten Armes. Die reduzierten Formen kommen auf den kurzen Strecken zum Einsatz, etwa auf der Linie 5 zwischen Bahnhof Enge und Kirche Fluntern. Hier trifft man im Schnitt alle zwanzig Minuten auf den gleichen Kollegen, sodass sich der Gruss bald in einer müden Handbewegung oder einem ironischen Lächeln erschöpft.
Ob Kurz- oder Langform: Beim Tramführergruss muss es sich um einen Reflex handeln. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb ich selbst im Schwamendinger Tunnel grüsse, wo sich Trams in völliger Dunkelheit begegnen. Oder bei Lastwagen, die mir in die Nähe kommen. Es genügen die groben Umrisse, und meine Hand hebt sich wie von selbst. Eine zusätzliche Herausforderung stellen dabei jene Kollegen dar, die den Gruss aus Prinzip nicht erwidern. Natürlich ist es ihr gutes Recht, stur den Schienen nach zu blicken. Und doch ist es ausgesprochen ärgerlich, solche notorischen Nichtgrüsser zu grüssen und ins Leere zu winken. Deshalb bin ich immer auf der Hut und schaue ganz aufmerksam in die entgegenkommenden Führerkabinen. In der Hoffnung, die Grussverweigerer rechtzeitig erkennen und den Reflex unterdrücken zu können.
