Zürich 1933-1945
152 Schauplätze
gebunden, 432 Seiten, 17 Abb.
März 2009Die Zeit zwischen der Machtergreifung der NSDAP und dem Zusammenbruch des Dritten Reichs prägte auch die Geschichte der Stadt Zürich, durch Eingemeindungen auf Neujahr 1934 eben zu einer Grossstadt geworden. ‹Zürich 1933–1945› vergegenwärtigt anhand von 152 Schauplätzen das Leben einer mitteleuropäischen Stadt, die vom Krieg verschont blieb. Die Streifzüge durch das Zürich der Vorkriegs- und Kriegszeit rufen politische Auseinandersetzungen in Erinnerung, stellen Plätze vor, wo Flüchtlinge versorgt und versteckt wurden, begleiten ans Seeufer, wo 1939 die Landesausstellung stattfand. Sie führen zu den Ausgabestellen der Rationierungskarten, in Cafés, wo der Schwarzhandel blühte, und in einen Wald, der für den Kartoffelanbau gerodet wurde. Sie führen zu Filmstudios und Cabarets, zum Haus, wo Lale Andersen, die Sängerin der ‹Lili Marleen›, zu ihrem Namen kam, in Jazzlokale und in das Hotel im Niederdorf, wo ‹s’Guggerzytli› komponiert wurde.

Bildrechte: Limmat Verlag
Pressestimmen
«Eine ideale Vorbereitungslektüre für eine Stadtwanderung mit klarer Gliederung: Die 152 Schauplätze verteilen sich auf 17 Kapitel, denen immer eine Karte als Kompass vorausgeht. Ein Verweissystem führt den Leser lustvoll kreuz und quer durchs ganze Buch und sorgt dafür, dass Unbekanntes bekannt wird.» Tages-Anzeiger
«152 Schauplätze nimmt der Autor Stefan Ineichen unter die Lupe, Orte, an denen die Zeit bis zum Ende des 2. Weltkrieges Spuren hinterlassen hat. Seine anschaulich wiedergegebenen Streifzüge führen ihn zu Wohnhäusern in Arbeiter- und Villenquartiere, in denen illegale Flüchtlinge unterkamen, ins Schauspielhaus und ins Cabaret – und in Sportanlagen wie das Hallenbad City, die in jener Zeit entstanden sind. Das Buch lädt ein zum Schmökern und Verweilen, das geschickte System von Verweisen macht die Lektüre zusätzlich spannend – und quasi im Vorbeigehen kann man erst noch sein Wissen über die Stadt Zürich aufbessern.» P.S. Die linke Zürcher Zeitung
«Manches dürfte auch Kennern der Zürcher Geschichte neu sein, etwa das einstige Kameradschaftshaus der Nationalsozialisten in Höngg, das heute noch steht – oder das Fliegerdenkmal in Affoltern, das an den Abschuss eines Schweizer Piloten (in einer deutschen Messerschmidt) erinnert. Ein dichtes Netz von Orten, Personen und Ereignissen – unterstützt durch ein ausgeklügeltes Verweissystem und nützliche Ereignis- und Personenverzeichnisse – lässt die Kriegszeit auch für Leute erfahrbar werden, die später geboren worden sind. Dabei wird einem bewusst, wie vieles, was damals geschah, weit über die Zeit hinausweist und Zürich zum Teil bis heute mitprägt.» Neue Zürcher Zeitung
«Ein informatives, unterhaltsames und anregendes Buch – nicht nur für Schweizer.» Damals
«Eine spannende Zeitreise.» Quartierecho
«‹Zürich 1933–1945› von Stefan Ineichen holt die Vergangenheit in die Gegenwart. Die detaillierten Beschreibungen Ineichens zeugen von einer gründlichen Recherche. ‹Zürich 1933–1945› ist auf alle Fälle ein ‹Must-Have› für alle , die sich für die Geschichte Zürichs interessieren. Und für alle anderen gilt: es ist ein Buch zum Schmökern.» Lokalinfo
«Stefan Ineichen präsentiert uns einen Schatz: eine riesige Materialfülle mit Dokumenten und Schilderungen von Zeitzeugen zu 152 Schauplätzen Zürichs. Was das umfassende Werk auszeichnet, sind die zahlreichen Querverbindungen: Wikipedia in Buchform. Eine Entdeckung!» Grünzeit – Zeitschrift für den Lebensraum Zürich
«Eine kurze Reise an den Limmatplatz und man ist 75 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt.» Höngger
Entdecken
Die Spurensuche führt zu den Orten der politischen Auseinandersetzung in der polarisierten Stadt der frühen Dreissigerjahre, als die rechtsextreme «Nationale Front» Morgenluft witterte und sich mit den bürgerlichen Parteien zu einem «Vaterländischen Block» zusammenschloss, die Sozialdemokratische Partei bei den städtischen Wahlen im September 1933 jedoch ihren historischen Sieg feiern konnte. Sie führt ans Seeufer, wo 1939 die Landesausstellung stattfand, die wie ein Scharnier die Vorkriegs mit der Kriegszeit verbindet und eine nationale Synthese suchte zwischen Stadt und Land, Rotem Zürich und Landidörfli, Tradition und Moderne, Folklore und Industrie. Am Stadtrand ebenso wie im Zentrum zeugen Bunker und Befestigungsbauten noch heute von den Vorbereitungen auf einen militärischen Konflikt während des Zweiten Weltkriegs, als zeitweise mehr als ein Siebtel der schweizerischen Bevölkerung zur Verteidigung mobilisiert war. In Affoltern erinnert ein Gedenkstein an einen Piloten der Schweizer Luftwaffe, der irrtümlicherweise von amerikanischen Fliegern vom Himmel geholt wurde. Bomben, die für deutsche Städte bestimmt waren, richteten vereinzelt auch in Zürich Schaden an.
Die Streifzüge durch Zürich führen zu Wohnhäusern in Arbeiter und Villenquartieren, die legalen und illegalen Flüchtlingen als Unterkunft dienten. Das 1939 eröffnete Gemeindehaus der Israelitischen Cultusgemeinde, wo täglich Hunderte von Emigranten verpflegt wurden, ist einer der wenigen baulichen Zeugen im Kontext der Flüchtlingsbetreuung in der Stadt Zürich, wo 1942 – im Hallenstadion – Bundesrat von Steiger in einer Ansprache vor engagierten Christen davor warnte, das vermeintlich volle Rettungsboot zu überladen.
Bellevue, Walche, Schimmel und Rosengartenstrasse verdanken ihr Gesicht den städtebaulichen Aktivitäten vor allem der Vorkriegszeit, und noch in den letzten Kriegsjahren setzte mit einer regen Wohnbautätigkeit, teilweise in Zonen umgenutzter Industrieareale, der Bauboom der Nachkriegszeit ein. Innerhalb weniger Jahre wandelte sich, wie sich auf Spaziergängen durch die Stadt nachvollziehen lässt, die Architektursprache markant: Wurden in der ersten Hälfte der Dreissigerjahre mit Kunstgewerbeschule, Theresienkirche und Neubühl öffentliche Gebäude und Wohnhäuser als moderne, offene und helle Kuben errichtet, so geben sich die holzverbrämten, biederen Heimatstilbauten der Kriegszeit traditionsverbunden und in sich gekehrt. Auch die bildende Kunst hat zwischen 1933 und 1945 Spuren hinterlassen, etwa Augusto Giacomettis Glasfenster mit Bugatti und Flabkanone in der Wasserkirche, Ernst Morgenthalers Wandbilder von Soldaten, Turnern und Serviertöchtern im Victoriahaus, den Bilderzyklus von 1942 in der Kantine des Wohlfahrtshauses der Oerliker BührleFabrik, Franz Fischers Geher, der als männlicher Akt im frisch eingemeindeten Oerlikon einen Skandal auslöste, und Hermann Hallers Waldmanndenkmal, das, bei seiner Einweihung umstritten, längst zum PostkartenZürich gehört.
Die Spurensuche führt nicht nur zu Schauspielhaus und Oper, sondern auch zu den Stätten der Unterhaltungs und Alltagskultur, zu Volkstheater und Cabaret. Im Metropol trat die Sängerin der Lili Marleen auf, noch bevor sie sich Lale Andersen nannte – ein Name, den sie sich im Gespräch mit Freunden in ihrer Wohnung an der Promenadengasse zulegte, bevor sie nach Deutschland zurückkehren musste. Zürich war vor und während der Kriegszeit eine Hochburg der Ländlermusik und des Schweizer Schlagers, eine Stadt mit Cafés, wo Swing und HotJazzOrchester spielten. Die ersten grossen Schweizer Filme wurden in Zürich produziert, in Studios an der Sihlporte, der Weinbergstrasse und am Utoquai gedreht und in Kinos am Bellevue oder an der Stauffacherstrasse uraufgeführt. Das Landgasthaus aus dem legendären Wachtmeister Studer stand in Seebach.
Noch heute rege benutzte Sportanlagen sind in den Dreissiger und frühen Vierzigerjahren entstanden, so das Freibad Allenmoos und das mit einer innovativen Wärmepumpe ausgestattete Hallenbad City, das Hallenstadion und das Sihlhölzli. Kleinere und grössere Parkanlagen zeugen vom hohen Stellenwert, der den städtischen Freiräumen auch damals zugeschrieben wurde, ebenso Grünzüge in Wollishofen und zwischen Siedlung und Waldrand am Üetliberghang.
Die Streifzüge in diesem Buch führen in eine Stadt, die nachts düsterer war als im Mittelalter, wo Recycling überlebensnotwendig war und der motorisierte Verkehr fast zum Erliegen kam. Die Spurensuche zeigt, wo Holzvergaser hergestellt und Holzverzuckerung propagiert, Rationierungskarten ausgegeben und Lebensmittelmarken getauscht wurden, in welchen Cafés der Schwarzhandel mit rationierten Gütern blühte und wo die Stadt Gemeinschaftssuppe kochen liess, als 1945 die Versorgung mit Kochgas zusammengebrochen war.
Auch wenn die Spurensuche breit created ist, so werden einige gewichtige Themenfelder nur am Rande gestreift. So der Transfer von Vermögenswerten aus Deutschland vor und während der Kriegszeit, da dieser im letzten Jahrzehnt ausgiebig diskutiert und untersucht wurde. Auch die Wege bekannter Autoren, die sich auf der Flucht mindesstens zeitweise in Zürich aufhielten, werden kaum verfolgt, da mehrere aktuelle Publikationen greifbar sind.
Die 152 vorgestellten Schauplätze aus der Zeit von 1933 bis 1945 werden geografisch gruppiert und auf sechzehn Ausschnitten aus dem Stadtplan zusammengefasst und lokalisiert. Ein Übersichtsplan zeigt, wo sich weitere, im Stadtgebiet verstreute Schauplätze und Zeitspuren befinden. Jeder der 152 Texte ist mit einer Nummer versehen. Diese Nummern von 1 bis 152 – und nicht Seitenzahlen – finden auch bei Verweisen auf andere Textstellen und im Personenregister Verwendung.


Probelauf für die Verdunkelung am 10. Juni 1937: Zürich normal beleuchtet um 22 Uhr (oben), die verdunkelte Stadt um 23.30 Uhr (unten). Unbewegte Lichtkegel in Kloten, Lichtreihe im unverdunkelten Bahnhofsareal. (Fotos: Baugeschichtliches Archiv Zürich)
Auf Druck Deutschlands wurde in der Schweiz während des Krieges die Verdunkelung des Landes angeordnet, damit sich englische und später auch amerikanische Bomber auf dem Flug nach Deutschland nicht an der beleuchteten Schweiz orientieren konnten. Als am 9. November 1940 um 22 Uhr die Lichter zum ersten Mal erloschen, wurde es auf Zürichs Strassen düsterer als im Mittelalter. Nachdem seit Kriegsbeginn der Automobilverkehr weitgehend zusammengebrochen war, verschwanden mit dem Erlöschen von Leuchtreklamen, beleuchteten Schaufenstern und Strassenlaternen weitere Elemente des modernen Stadtlebens aus dem Alltag, welche die Nacht zum Tag gemacht hatten und Zürich ein grossstädtisches Flair verliehen. Die Verdunkelung erschwerte nicht nur den alliierten Piloten, sich in Europa zurechtzufinden (was nach der irrtümlichen Bombardierung von Basel im Dezember 1940, welche vier Todesopfer forderte, zu heftigen Diskussionen um den Sinn der Verdunkelung führte), sondern verunmöglichte es oft auch den Menschen, die nachts auf dem Erdboden unterwegs waren, Hindernisse und Gefahren wahrzunehmen. Sie stolperten über Veloständer, stiessen in Pfosten von Verkehrstafeln und blinden Kandelabern oder prallten mit andern Leuten zusammen, weshalb empfohlen wurde, auch zu Fuss die Regeln des Rechtsverkehrs zu befolgen und nur das rechte Trottoir zu benützen. Die Lampen der Fahrräder und der wenigen Autos, die durch die nächtliche Stadt fuhren, leuchteten matt blau und waren gegen oben abgedeckt, ebenso die
gedämpften Frontlichter der Tramwagen der Städtischen Strassenbahnen Zürich
(St.St.Z.), was eine Geschwindigkeitsreduktion von dreissig Prozent zur Folge hatte und eine Verdünnung des Fahrplantaktes. Unter dem abgedeckten Frontlicht an der Tramschnauze hing ein Schildchen mit der Liniennummer (Foto -> 30). Im Innern waren blaue Glühlampen montiert. Der Kontrolleur kam mit einer kleinen Lampe vorbei. Die Fenster der Häuser mussten mit Vorhängen verhängt werden, die keinen Lichtschein nach draussen durchschimmern liessen. Läden und Warenhäuser priesen neue Produkte an: «Alles was für die vorschriftsgemässe Verdunkelung benötigt wird, können Sie bei uns zu vorteilhaften Preisen beziehen. Sämtliche zu diesem Zweck verwendbaren Verdunkelungs-Stoffe sind vom Eidg. Amt für Luftschutz geprüft und genehmigt.» Phillips präsentierte unter drohenden Bombersilhouetten Glühbirnen Marke Protector Luftschutz, «25 Watt, mit blauem Auge, als Dämmerlicht für Korridore, Treppenhäuser, W.-C., Badezimmer etc.». -> 85 Mit dem Verlöschen der künstlichen Beleuchtung verschwand auch eine Teil der sozialen Kontrolle. In den Erinnerungen von Zeitzeugen, die im Projekt Archimob zwischen 1999 und 2001 gesammelt wurden, ergibt sich ein uneinheitliches Bild der knapp vier Jahre dauernden Verdunkelung. Während sich die einen Frauen sicher fühlten und sich unbeschwert durch die dunkle Stadt bewegten, berichten andere von Grapschern, Exhibitionisten und Vergewaltigungsversuchen. Verliebte Jugendliche wiederum genossen es, im Schutz der Dunkelheit unbeobachtet zu bleiben. Ein Maschinenzeichner aus Seebach, damals Lehrling, erzählt: «Man konnte ganz billig in die Oper in der Jugendtheatergemeinde. Ich ging mit meinem Schulschatz, wenn wir genug Taschengeld hatten, manchmal ins Opernhaus. Abends war das wunderbar. Man konnte in der Dunkelheit nach Hause gehen. Niemand sah uns, und es war schön.» Die Stadt verwandelte sich. «Mit der Verdunkelung war es bei Mondschein unverschämt schön», erinnert sich eine gelernte Verkäuferin aus Luzern, die 1943 nach Zürich gezogen war. «Wenn man heute durch die Strassen geht, sieht man die Häuser nur bis zu den Laternen. Aber das fiel damals weg. Es war märchenhaft. Es gab Häuser, die sahen aus wie Paläste.»
Am 12. September 1944, als die Alliierten den grössten Teil Frankreichs erobert hatten, wurde die Verdunkelungspflicht in der Schweiz aufgehoben. Seit die Alliierten auch auf dem Kontinent über Flugplätze verfügten, kam es kaum mehr zu Durchflügen von ganzen Geschwadern durch den Schweizer Luftraum. Das Kräfteverhältnis in Europa hatte sich verschoben, die Schweiz grenzte nun wieder an Gebiete, die sich nicht in der Hand der Achsenmächte befanden. Zürich wurde erneut zur «ville lumière» -> 27. Die Strassenbahnen beschleunigten ihre Fahrtgeschwindigkeit und gingen vom 16- wieder zum 12-Minuten-Betrieb über.
-> 9 Opernhaus.
Blaue Glühbirnen und andere Ausstellungsobjekte
zur Verdunkelung im Zivilschutz-Museum im
Rundbunker Landenberg -> 85
