Zürich, du mein blaues Wunder

Zürich, du mein blaues Wunder

Literarische Streifzüge durch eine europäische Kulturstadt

gebunden, 334 Fotos, Dok. u. Ktn, 488 Seiten

September 2004
SFr. 49.–, 52.– €
ISBN 978-3-85791-447-8

Hier hat im 13. Jahrhundert Ratsherr Manesse Minnelieder gesammelt, hier wurden im 18. Jahrhundert Fantasie und Intuition gegen den regelversessenen Leipziger Professor Gottsched verteidigt, von hier aus belieferte Pfarrer Lavater Goethe & Co. mit sturmunddrängerischen Genietheorien, hier dichtete im 19. Jahrhundert das junge Deutschland an der Zensur vorbei, hier lebten und schrieben einheimische, zugezogene und aus anderen Ländern vertriebene Schriftsteller von Georg Herwegh über Elias Canetti bis Max Frisch, von Salomon Gessner über Georg Büchner und Robert Walser bis Ingeborg Bachmann, von Johanna Spyri über Gottfried Keller bis James Joyce und Alfred Döblin.
Sieben thematische Streifzüge erschliessen Zürich als europäische Literaturstadt: Sie laden ein, das "Schlachtfeld" des Literaturbetriebs zu besichtigen, den vielfältigen Spuren der Familie Mann nachzugehen, Begegnungsorte berühmter Liebespaare, Schauplätze von Kinderliteratur oder Zufluchtsorte von Emigranten aufzusuchen.

Ute Kröger
Bildrechte: Ayse Yavas
Ute Kröger, Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte, Doktorat. Lehrtätigkeit an Gymnasien und in der Erwachsenenbildung, wissenschaftliche und publizistische Arbeiten. Lebt als freie Publizistin in Kilchberg ZH.
Neue Zürcher Zeitung, 11./12. September 2004
Tages-Anzeiger, 4. Oktober 2004
Plebs Netzmagazin, 11. Dezember 2004
ph akzente, 1/März 2005
Die Zeit, 23. Juni 2005

Studia Niemcoznawcze / Studien zur Deutschkunde, Universität Warschau 2005
Altstadt Kurier 18. September 2025


«Ein Standardwerk! Ach was, ein Buch wie ein riesiges Fass, tief, tief taucht man hinein.» DIE ZEIT

«Man begegnet in diesem Buch Vita und Werk bekannter (Thomas Mann, James Joyce) und vergessner (Olga Meyer, Jakob Schaffner) Namen und erhält Einblick in die unglaubliche Lebendigkeit und schillernde Vielfalt des literarischen Zürich über die Jahrhunderte hinweg. Gerne liest man von kuriosen Entdeckungen wie zum Beispiel der kontinuierlichen Aufführung der Hadlaub-Statue im Verzeichnis der Denkmäler obwohl die Figur am Platzspitz vermutlich während der achtziger Jahre zerstört worden war. Spannend sind auch Geschichten vom ehemaligen Hotel Schwert am Weinplatz, in dem Goethe abgestiegen ist. Hier beginnen sich Anekdoten, Zitate und Auszüge aus Briefen und Tagebüchern zu einer anmutigen Plauderei aus dem Nähkästchen zu verdichten.» Neue Zürcher Zeitung

«Ein bisschen kalauernd kann man jedem literarisch interessierten Leser sein blaues Wunder Versprechen: Das Buch ist eine ungeheure Fundgrube an Namen, Daten, Fakten, Zitaten und Anekdoten, überdies generös illustriert. (...) Ein gutes Verweissystem schliesst das Getrennte immer wieder zusammen und jagt den interessierten Leser bald lustvoll kreuz und quer durch das ganze Buch. (...) Das Ergebnis ist imponierend; es gibt wohl keinen Literaturkenner in der Stadt, der nicht auf etliche unbekannte Namen oder Tatsachen stossen würde.» Tages-Anzeiger

«Schon ein flüchtiger Blick in das Buch verrät, dass hier mit viel Mühe und ohne Kosten und Aufwand zu scheuen, ein wahres Meisterwerk geschaffen wurde. Die grosszügig createde Publikation beinhaltet alles, was man sich von einem solchen Buch wünschen kann: Fotos, Textzeugnisse, Karten, Skizzen, Dokumente, Personen- und Ortsregister und, das Wichtigste: kenntnisreiche und doch so zugängliche Beschreibungen von Orten, Personen und Ereignissen, von kleinen und grossen Wundern, Freund- und Feindschaften, dass sich das Buch an das breitest vorstellbare Publikum richtet: ZürcherInnen, Geschichtfans, Literaturliebhaber - sie alle werden auf ihre Kosten kommen. Besonders sei das blaue Wunder aber den Zürichverächtern ans Herz gelegt. Sie werden hier ein anderes Zürich finden, als das der gängigen Klischees und vielleicht lassen sie sich ja sogar animieren, einmal in die Höhle des Löwen, sprich: nach Zürich, zu reisen und einigen Orten, die Krögers kurz, aber sehr unterhaltsam porträtiert, einen Besuch abzustatten.» Plebs Netzmagazin

«Stadtführer, Nachschlagewerk, literarische Fundgrube, Geschichtsband und Biographielexikon in einem.» Schweizerbibliotheksdienst SBD

«In ihrem Buch führt Ute Kröger den Leser mit Leichtigkeit und Charme durch das Netz von Persönlichkeiten, Gesellschaften und Institutionen, die das literarische Leben der Stadt seit Jahrhunderten geprägt und begünstigt haben.» Studia Niemcoznawcze

«Ein anregendes Wimmelbuch voller interessanter Querbezüge» Matthias Senn, Altstadt Kurier

Liebe zur Literatur und zu einem Dichterfürsten: Bäbe Schulthess

«Männin» nannte sie ihr Freund Johann Caspar Lavater und bescheinigt ihr in seinen «Physiognomischen Fragmenten», sie zeichne sich aus durch «Verstand, Mut, Kraft und Stolz ohne alle Eitelkeit». 1775 stellt er sie in einem Brief an Johann Gottfried Herder vor: «Sie ist nicht schön und nicht fein gebildet (körperlich nämlich). Nur stark und fest ohne Grobheit.» So also reden Männer über Frauen – besonders wohl über aussergewöhnliche. Barbara Schulthess, genannt Bäbe, war eine aussergewöhnliche Frau. Selbst aus recht wohlhabendem Haus – der Vater war Seidenfabrikant –, heiratet sie 1763 den Seidenfabrikanten David Schulthess. Sie kaufen 1772 den «Schönenhof» in der Vorstadt, heute Rämistrasse 14.

Vier Kinder zieht sie auf – allein, denn ihr Mann stirbt 1778. Barbara Schulthess ist eine äusserst gebildete, vielseitig interessierte und gesellige Frau, und – was, wie man sagt, Männer besonders schätzen – eine beredte Schweigerin. Zuhören kann sie. Im gastfreien «Schönenhof» trifft sich tout Zürich mit Gästen von auswärts. «Nach Tisch liess uns Lavater einen Besuch ansagen und erst gegen 5 uhr kamen Sie, Burckhardts von Basel, Escher und Frau, Ott und Frau, Schulthess im Grünenhof und Frau (wäre doch lieber sein Nachbar gekommen) und noch einige Fremde, so dass bey 20 Personen in unsrer Stube waren», schreibt Tochter Bäbe 1789 in ihr Tagebuch.

    baebe.schulthess
Barbara Schulthess (1745–1818). Stich nach einem Porträt von Johann Wilhelm Tischbein um 1781



  schoenenhof.raemi     Der Schönenhof, abgetragen 1935, heute Rämistrasse 14

Im «Schönenhof» finden Konzerte statt, Malerei und Literatur werden gepflegt. Durch Lavater lernt Barbara Schulthess all die Geistesgrössen kennen, die zu jener Zeit durch Zürich ziehen. Und die meisten kommen in den «Schönenhof». So ist man dort auf der Höhe der Zeit. Und sie vermittelt ihren Zürcher Freunden die neueste Literatur: Sie lässt ihre Abschriften kursieren, man liest aus den Neuerscheinungen vor, zum Beispiel Sophie La Roches «Pomona», oder aus dem «Wandsbeker Boten». Auch Goethe, mit dem Schulthess seit 1775 durch Lavater bekannt geworden ist, besucht sie. Goethe ist sechsundzwanzig, sie dreissig und hochschwanger. Dennoch: Es entwickelt sich zwischen beiden eine Freundschaft, vielleicht auch mehr. Briefe gehen zwischen Weimar und Zürich hin und her. Goethe wird die bis 1792 geschriebenen Briefe seiner Freundin vernichten, Bäbe verbrennt seine kurz vor ihrem Tod. 1779 besucht Goethe sie ein zweites Mal. Da ist sie schon Witwe. Der «Seelenfreundin» schickt er Manuskripte seiner neuesten Werke – die erste Niederschrift der «Iphigenie», den Entwurf zu «Tasso», «Hermann und Dorothea». Die Texte werden von ihr und ihrer ältesten Tochter gelesen, vorgelesen und abgeschrieben. «Diesen Abend erhielt Mama von Goethe den Anfang von ‹Wilhelm Meister›. Ach, herrlich! Aber sie will mir heut nichts mehr zeigen, leider!», trägt die Tochter im Oktober 1783 temperamentvoll in ihr Tagebuch ein. 1911 findet ein Ururenkel auf einem staubigen Dachboden die ersten sechs Kapitel jener Urfassung von «Wilhelm Meister», die unter dem Titel «Wilhelm Meisters theatralische Sendung» bei Rascher&Cie. veröffentlicht werden. Schon 1902 war das Originalmanuskript des Gedichts «Gesang der Geister über den Wassern» aufgetaucht, das Goethe auf seiner zweiten Schweizer Reise geschrieben und ihr wohl geschenkt hat.

Bäbe Schulthess muss Goethe viel bedeutet haben. Ihr Porträt hängt, wie das Weimarer Klatschmaul August Böttiger 1796 spitzzüngig notiert, «noch jetzt in Göthes Zimmer» – da war die Beziehung zwischen den beiden längst abgebrochen. Sie hatten sich im Juni 1788 – Goethe war auf der Rückreise aus Italien ÿ ein paar Tage in Konstanz getroffen. Was vorgefallen ist, wissen wir nicht. Obwohl von Barbara Schulthess überliefert ist, sie sei «glücklich, heiter und wohl» erschienen, muss es ein Abschied gewesen sein. Einen allerletzten, wohl eher förmlich-steifen Besuch stattet ihr Goethe 1797 ab.

Im «Schönenhof» wird es stiller. Nur ihre jüngste Tochter lebt noch. 1811 kauft Barbara Schulthess ihr Geburtshaus, das Neuhaus an der Oberdorfstrasse 5, zurück, wo sie bis zu ihrem Tode mit der Familie ihrer Tochter wohnt.

    «Wie leg ich Dir’s dann itzt genug an’s Hertz mich nicht warten zu lassen, auf die Nachricht der Wendung die dein Schicksal des Bleibens oder Gehens wegen genommen – und, was dabey vor uns zu hoffen ist – ich mag nichts als hoffen! sollten die Träume die wachend und schlafend so oft diese viele Monate durch Dich hinüber gezaubert haben – – Träume bleiben – – ich mag nichts als hoffen! Und sollte das Weibchen umsonst schon so lange sich zersinnet haben, wie sie gefällig genug vor dir erscheinen wolle! Das kann nicht seyn.»

Barbara Schulthess an Johann Wolfgang von Goethe, 20. 3. 1788


oberdorf1750     Die Oberdorfstrasse um 1750


In den 1950er Jahren sollte das Neuhaus abgerissen werden, aber der Buchhändler Hans Rohr kaufte mit Unterstützung der Stadt das Haus und renovierte es. Im Obergeschoss richtete er ein Gedenkzimmer für Bäbe Schulthess ein. Kunden der Buchhandlung Rohr konnten Bildnisse von ihr, Goethe, Lavater und einige persönliche Gegenstände näher betrachten. Bis zum Frühjahr 2000. Dann musste die Buchhandlung schliessen.

 

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